Der eine Moment...

Auf diesen einen Moment habe ich lange gewartet. Für diesen einen Moment habe ich hart gearbeitet. Für diesen einen Moment habe ich in den letzten fünf Monaten alles gegeben.

Am 18. Semptember war es dann soweit!

Mein erster Skitag seit der Rückenoperation im April stand bevor.

Bevor ich euch von meinem ersten Skitag berichte, möchte ich zuerst etwas zurück blicken. Der Weg zurück auf die Skis war alles andere als leicht. Vielleicht war es auch meine herausfordernste Reha bisher. Nicht weil ich Schmerzen oder viele Rückschläge hatte, sondern weil es keinen konkreten Plan zurück auf die Skipiste gab. Da mir keine Skirennfahrer bekannt sind, die mit einem versteiften Rückenwirbel Ski fahren, gab es keine Zwischenziele an denen ich mich hätte orientieren können. Darum musste ich irgendwie ein Grundvertrauen entwickeln, dass ich auf dem richtigen Weg bin, dass alles gut kommt und ich nur viel Geduld haben muss. Dies war vor allem in den ersten Wochen eine Herausforderung, da ich gerne anhand eines Plans arbeite und wissen möchte was als nächstes kommt.

Es gelang mir dann aber relativ rasch, mich an diese Tatsache zu gewöhnen und jeden Tag so zu nehmen wie er kommt. Klar, auch ich habe ab und zu gezweifelt. Ich brauchte die Unterstützung meines Umfelds um geduldig zu bleiben. Es gab auch Tage an denen mich die Zweifel im Griff hatten und ich befürchtete nicht mehr als Skirennfahrerin Rennen bestreiten zu können.

Trotz all dem vergingen die letzten fünf Monate wie im Flug. Ich habe eine Einstellung gefunden, die es mir ermöglichte mit Freude zu trainieren, ohne zu wissen, wohin mein Weg führen wird. Der Fokus war klar: ich komme zurück auf die Piste und werde alles tun, um nächste Saison Rennen bestreiten zu können. Ich konnte nach der OP bereits früher als geplant mit dem Konditionstraining starten. Die stechenden Schmerzen gehörten endlich der Vergangenheit an. Und ich merkte, dass ich konditionell schnell grosse Fortschritte erzielen konnte. Dies gab mir Mut und in kleinen Schritten kam das etwas verloren gegangene Vertrauen in meinen Körper zurück. Was für ein schönes Gefühl...

Das Skifahren ist in der Zeit der Reha etwas in den Hintergrund gerückt. Zuerst ging es mir darum im Alltag schmerzfrei zu werden. Dann kam schon bald die Athletin in mir durch und ich verbrachte viel Zeit im Kraftraum und in den Bergen beim Wandern. Trotzdem gab ich aber stets acht auf meinen Körper und versuchte ihm auch die nötige Anpassungszeit zu geben. Es klingt vielleicht etwas komisch, aber ich habe das Skifahren in dieser Zeit selten vermisst. Ich glaube, ich war einfach so mit dem Moment beschäftigt, dass alles andere nur Träumerei gewesen wäre. Lieber fokussierte ich mich auf meine jetzige Situation und hatte Freude an dem was ich bereits tun konnte.

Dann rückte der grosse Tag immer näher. Und mit ihm kam zu meiner Erleichterung auch die Vorfreude. Ich war echt nervös. So nervös, dass ich erst bei der Gondelfahrt auf den Berg bemerkt hatte, dass ich das Matterhorn noch gar nie angeschaut hatte. Und das obwohl ich bereits am Vortag nach Zermatt gereist bin.

Dann war es soweit... der eine Moment auf den ich so lange gewartet habe. Ich habe meine Skis angezogen und in diesem Moment gab es keine Zweifel mehr. Die unerträglichen Schmerzen der letzten Jahre, die vielen Tränen, die Ungewissheit, dies alles spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Es zählte nur der eine Moment und die Freude, die ich gerade spürte. Als wäre ich nie weg gewesen, begann ich zu karven. Das Gefühl für den Schnee und die Skis waren sofort wieder da. Ich konnte gar nicht aufhören zu lachen und spürte, dass ich jetzt gerade genau da bin wo ich sein möchte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl! Es war der eine Moment, für den sich alles gelohnt hat.

Besonders freute mich, dass ich diesen speziellen Moment mit meinem Freund Silvan teilen konnte. Er ist ein Teil meines Umfelds, ohne deren Hilfe ich den Weg zurück auf die Skis nicht hätte meistern können. Meine Eltern, mein Bruder, Silvan, meine Ärzte Patrick Meyer und Othmar Schwarzenbach, meine Physios Mägi Schaller und Mauro Bove, mein Mentalcoach Lutz Urban und meine engsten Freunde gaben mir so viel Rückhalt und Zuversicht. Sie waren da, um meine Tränen zu trocknen und sie waren da, um sich mit mir über die gemachten Fortschritte zu freuen. Sie erinnerten mich daran geduldig zu bleiben und zeigten mir, dass im Leben nicht nur der Spitzensport zählt. Sie, meine Ausrüster und meine Sponsoren ermöglichen es mir den eigeschlagenen Weg konsequent zu gehen, um eines Tages vielleicht einmal ganz zuoberst auf dem Podest stehen zu können.

Auch danke ich Demian Franzen, der mich die ersten Skitage begleitet hatte. Ich durfte viel lernen und war froh, dass er mich bremste, wenn ich begann etwas übermütig zu werden ;-)

Diese ersten Skitage waren sehr wichtig für mich. Einerseits aus mentaler SIcht, andererseits auch um zu spüren, wie weit mein Rücken im Heilungsprozess bereits ist. Das Feedback war grundsätzlich positiv. Trotzdem habe ich gespürt, dass mein Rücken noch nicht bereit ist richtig Ski zu fahren. Ich konnte rutschten und auch einige gekarvte Schwünge fahren, hatte bei diesen jedoch Schmerzen. Dies ist ist aber kein Grund zur Sorge. Mein Rücken braucht einfach noch etwas mehr Zeit zum heilen und sich an die neue Situation anzupassen. Wenn man bedenkt, dass ich fünf Jahre mit Schmerzen Ski gefahren bin, ist dies irgendwie nachvollziehbar.

Wann ich den nächsten Versuch plane ist noch offen. Ich werde dann wieder Ski fahren gehen, wenn der Rücken bereit dazu ist. In der Zwischenzeit feile ich weiter an meiner Kondition und erinnere mich immer wieder an den einen Moment, der mir so viel Freude bereitet hat und für den es sich lohnt gedulig zu bleiben.

Bis bald

Eure Andrea